brainfuck

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Eine Kurzgeschichte – Mit gesenktem Blick

Der Junge war verärgert.

Das Lenkrad klemmte. Es war zwar aus Plastik, aber es klemmte. Und das regte ihn auf. Mitten im Assi-Viertel saß er jetzt mit seinem Billig-Polizeiauto fest. Während er nun darauf wartete, dass irgendetwas passierte, begann er dieses eine Lied zu summen, welches er immer summte wenn er beunruhigt oder ängstlich war. Auf eine solche Situation war der Kleine schlichtweg nicht vorbereitet gewesen. Generell hatte der Junge Probleme mit den meisten ungewohnten Situationen. Für ihn war Neues ungewöhnlich, und ungewöhnlich empfand er als unangenehm. Später würde er das ganze Routine und Rituale nennen. Aber daran dachte er nicht. Noch nicht. Er machte sich Sorgen um sich selbst. Er hatte nicht einmal seiner Mutter gesagt, wo er mit seinem Bobbycar hinwollte. Und jetzt kam er nicht mehr weg. Er saß fest.  Er vermisste seine Familie. Er fragte sich sogar insgeheim, ob er seine Schwester jemals wieder sehen würde. Natürlich würde er das nie zugeben. Zu anderen Kindern hatte er immer ein spezielles Verhältnis.

Just in diesem Moment hielt ein Sattelschlepper neben dem deprimierten Jungen.

Er hörte, wie sich eine Tür öffnete. Er vermied es, aufzublicken. Niemand sollte sehen, dass er den Tränen nahe war.  “Was machst du den so weit im Industriegebiet, mein Junge?”, fragte eine raue Stimme mit starkem schwäbischen Akzent. Nahezu unverständlich.

So etwas bereitete ihm Unbehagen. Er hasste es, wenn Menschen undeutlich redeten. Gedanklich wiederholte er den Satz. Obwohl er nicht aufschaute, merkte er, dass geduldig die Stimme auf ihn herabschaute. “Mein blödes Lenkrad klemmt, und nun komme ich nicht mehr zu Mama und Papa”, flüsterte der Junge schüchtern, blickte immer noch hinab.

Die folgende unangenehme Stille bemerkte der Junge gar nicht, so war er in seine Gedanken versunken. Komplett in seiner eigenen Welt. Unfähig, von hier wegzukommen. Unfähig, etwas zu verstehen. Er wollte nicht aufblicken, er wollte niemanden etwas erklären, was sowieso niemand verstehen würde. Wenn er aufblickte, und sich äußerte müsste er sich wieder rechtfertigen und niemand würde ihn verstehen. Es machte ihn traurig und glücklich zugleich, dass die Stimme sich für ihn interessierte, aber er hatte auch dieses starke Bedürfnis, alleine zu sein. Er fragte sich auch nicht, was die Stimme von ihm denken muss – denn es interessierte ihn nicht. Nach Hause wollte er. In seinem Zimmer wieder den Schlüssel umdrehen und alleine sein. Warum war er überhaupt nach draußen gegangen?

Die Stimme war verdutzt. Sie hatte erwartet, dass der Junge etwas nachvollziehbares als Grund anführt, aber das hier war absurd. Sie konnte ihn aber auch nicht hier sitzen lassen. So etwas macht man einfach nicht.

So entschied sie sich, dem Jungen etwas warmes zu trinken zu geben. Dieser war froh, dass ihm jemand Verständnis entgegenbrachte und half, ohne alles zu hinterfragen um es dann sowieso nicht zu verstehen. Sie redeten die ganze Zeit nicht miteinander. Und der Bobbycar wurde ganz regelkonform abgeschleppt. Im Gegensatz zum Jungen vergass die Stimme diese Begegnung schon sehr bald.

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